St. Bürokratius vs Rogacki

Pressestimmen: Grundeigentum-Verlag GmbH – 12.12.2005

12.12.2005 (GE 23/05, Seite 1444) – Vermutlich hätte Dietmar Rogacki, Chef des renommierten gleichnamigen Charlottenburger Delikatessengeschäfts, mit faulen Fischen nach den Mitarbeitern des Ordnungsamtes geworfen – wenn er denn welche gehabt hätte.

Der Grund: Das Bezirksamt wollte bei ihm die Straßennutzungsgebühr gleich doppelt abkassieren. Seit 1977 schmückt das Traditionsgeschäft eine markante grüne Markise. Für diese Straßenluftraumnutzung zahlt Rogacki seit 30 Jahren die verlangte Gebühr. Nichts, was ihn geschäftlich umbringt. Etwa den Gegenwert von einem guten Kilo Hummer im Jahr. Weil er für den Luftraum zahlt, dachte sich der Geschäftsmann, könne er wohl auch in den Luftraum drei Stehtische und eine Stelltafel stellen. Die Kalkulation war freilich ohne St. Bürokratius gemacht. Schließlich müssen Tische mit ihren Beinen fest auf der Erde stehen. Und wer öffentliches Straßenland nutzt, muß bekanntlich blechen – gesteigerter Anliegergebrauch (mit diesem Argument werden Erschließungs- und Straßenbaubeiträge verlangt und der öffentliche Winterdienst abgewälzt) hin oder her. Jährliche Gebühr für drei Stehtische und die Stelltafel: rund 30 Kilo Hummer. Das wiederum hielt Rogacki für Abzocke. Aber Einzelhändler, die in unserem Bürokratiedschungel überleben wollen, müssen findig sein. Rogacki entfernte die Tische und ließ an die Wand seines Geschäftes ein zwei Meter langes und 25 Zentimeter breites Brettchen montieren – groß genug, daß man mal auf die Schnelle draußen vor dem Geschäft eine Kleinigkeit zu sich nehmen kann. So ein Brettchen braucht keine eigenen Beinchen auf öffentlichem Straßenland. Ebensowenig wie die Stelltafel, die jetzt an der Hauswand hängt. Aber so einfach geben unsere Staatsdiener nicht auf, wenn es gilt, das Anspringen der Binnenkonjunktur zu verhindern. Charlottenburgs Baustadtrat Klaus-Dieter Gröhler will jetzt nachprüfen lassen, ob nicht auch das Brettchen in den öffentlichen Straßenluftraum hineinragt. Denn in Berlin muß für jede genutzte Straßenluftscheibe gesondert gezahlt werden – also für Markise und Brettchen. Überhaupt muß Dietmar Rogacki dem Bezirksamt noch dankbar sein, daß man nicht auch noch ein Ordnungswidrigkeitsverfahren gegen ihn eröffnet hat, läßt der Baustadtrat durchblicken. Vielleicht sollte Rogacki mal überlegen, ob er nicht seinen Betrieb nach Potsdam verlegt, dort fehlt noch so was und die Kundschaft wäre auch schon da. Das würde vielleicht auch die Perspektive von Kirchturmpolitikern mal ein bißchen verändern.

(Dieter Blümmel)